Guide: Nachhaltig reisen für Anfänger (inkl. Experteninterview)

Complete Beginners Guide für nachhaltiges Reisen

Complete Beginners Guide für nachhaltiges Reisen
BILD: Pexels

Seit über zehn Jahren beschäftigen wir uns mit verantwortungsvollerem Reisen. Dadurch benutzen wir selbstverständlich Begriffe wie CO₂-Fußabdruck, lokale Wertschöpfung, Slow Travel oder Regenerative Tourism. Aber was, wenn du gerade erst anfängst? Dann kann das alles ziemlich viel auf einmal sein. Für diesen Artikel haben wir uns daher jemanden an die Seite geholt, die Erfahrung damit hat, Einsteiger*innen nachhaltiges Reisen zu erklären: Lee Mylne.

Die australische Reisejournalistin und Buchautorin Lee Mylne veröffentlichte 2024 ihr Buch Sustainable Travel For Dummies. Darin richtet sie sich ganz bewusst an Menschen, die verantwortungsvoller reisen möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Sie selbst hat rund 70 Länder bereist und schreibt unter anderem als Destinations-Expertin und Hotelreviewerin für The Telegraph. Auch wissenschaftlich hat sie sich mit dem Thema beschäftigt: In ihrer Promotion untersuchte sie ethische Fragen im Reisejournalismus. Wir wollten von ihr wissen: Was müssen Sustainable-Travel-Newbies wirklich wissen? Ihre Antwort darauf, erfährst du weiter unten.

Doch zuerst:

Buch Cover Bild Sustainable Travel For Dummies

First things first:

Was bedeutet „nachhaltig“ überhaupt?

Bevor wir über nachhaltiges Reisen sprechen, müssen wir erst einmal klären, was „nachhaltig“ überhaupt bedeutet. Eine der bekanntesten Definitionen stammt aus dem sogenannten Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen von 1987. Vereinfacht gesagt bedeutet nachhaltige Entwicklung demnach: unsere heutigen Bedürfnisse zu erfüllen, ohne zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu nehmen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Und was heißt das jetzt fürs Reisen?

Solo reisende junge Frau blickt aus einem Safari-Jeep im Urlaub glücklich und frei
©simona | Stock.Adobe.com

Stell dir vor, du machst Urlaub an einem wunderschönen Ort. Du möchtest dort eine gute Zeit haben. Gleichzeitig sollen die Menschen, die dort leben, gut vom Tourismus leben können. Und Strand, Wald, Berge oder Tiere sollen nicht darunter leiden, dass du und viele andere Menschen diesen Ort besuchen. Er soll auch in Zukunft noch ein lebenswerter Ort sein – für die Menschen vor Ort und für diejenigen, die ihn nach dir besuchen.

Aber deine Reise wirkt sich nicht nur auf den Ort aus, den du besuchst. Wenn du zum Beispiel fliegst, entstehen Treibhausgase, die zum Klimawandel beitragen – und der betrifft den ganzen Planeten.

Diese Dinge zu beachten, ist die Grundidee hinter nachhaltigerem Reisen.

Im Kurz-Interview mit Lee MyIne, oder: was viele Menschen beim Thema nachhaltiges Reisen nicht verstehen

Lee Mylne: Ich glaube, viele Menschen wissen gar nicht genau, was mit ‚Sustainable Travel‘ gemeint ist oder worin beispielsweise der Unterschied zwischen nachhaltigem und verantwortungsvollem Reisen liegt. Dann gibt es noch Begriffe wie ‚Ethical Tourism‘, ‚Regenerative Tourism‘ oder ‚Slow Travel‘. Da kann man schnell den Überblick verlieren.

In meinem Buch versuche ich deshalb, die Unterschiede zu erklären und gleichzeitig zu zeigen, wie all diese Ansätze zusammenspielen können. Denn letztlich geht es darum, wie wir als Reisende dazu beitragen können, die Orte, die wir besuchen, im gleichen oder sogar in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.

Portrait Lee Mylne Buchautorin Nachhaltig Reisen
©Lee Mylne

Lee: Eine gute Frage für den Anfang ist: Haben meine Entscheidungen auf dieser Reise negative Auswirkungen auf die Umwelt oder den Ort, den ich besuche?

Und dann: einen Schritt nach dem anderen. Schau doch einmal, welche dieser Ideen du bei deiner nächsten Reise ausprobieren könntest:

  • Reise außerhalb der Hauptsaison (dies entzerrt den Druck auf den Ort und sichert den Einheimischen ganzjähriges Einkommen)
  • Nimm den Zug, wenn er eine sinnvolle Alternative zum Flugzeug oder Auto ist.
  • Nutze öffentliche Verkehrsmittel am Urlaubsort.
  • Wähle Unterkünfte, von denen auch die Menschen vor Ort profitieren und die eine Nachhaltigkeitsstrategie haben (z. B. in dem sie erneuerbare Energie nutzen, Müll vermeiden, Bio-Lebensmittel verwenden etc.)
  • Kaufe bei Locals – vom Restaurant bis zum Souvenir.
  • Schau bei Aktivitäten mit Tieren genauer hin: Ist damit Tierleid verbunden? (Zum Thema Tierschutz auf Reisen hatten wir erst kürzlich ein Interview mit PeTA)
  • Hinterfrage, wie oft und wie weit du reist. (Ein Long Stay ist in der Regel deutlich emissionssparender als mehrere Kurztrips)

Du musst nicht alles auf einmal umsetzen. Lees Rat: „Take it one step at a time.“

Zwei konkrete Punkte, die deinen nächsten Urlaub nachhaltiger machen

Junge Frau und ihr Hund stehen am Zugbahnsteig und ein Zug fährt ein.
©peeradontax | Stock.adobe.com

#1 Wie kommst du zum Urlaubsort?

Wenn du nur mit einer Sache anfangen möchtest, dann schau dir deine An- und Abreise an. Denn der Verkehr verursacht laut UN Tourism den größten Anteil der tourismusbedingten Treibhausgasemissionen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Du möchtest von Frankfurt nach Paris. Du kannst natürlich fliegen – oder dich in den Zug setzen. Berechnungen von EcoPassenger zeigen für genau diese Strecke einen deutlichen Unterschied: Die Bahn verursacht pro Person mit ca. 14 kg CO₂ wesentlich weniger Treibhausgase als das Flugzeug, das auf derselben Strecke rund 138 kg CO₂  nur für den Hinflug ausstößt. Am Ende spart die Zugfahrt somit knapp 90 % der Emissionen ein – und du kommst in Paris sogar mitten in der Stadt an.

Heißt das, dass der Zug immer die beste Lösung? So einfach ist es leider auch wieder nicht, gerade, wenn wir das Auto oder E-Auto zum Vergleich heranziehen. Da ändern nämlich so einige Faktoren die Rechnung: Wie viele Menschen sitzen im Auto? Woher kommt der Strom für ein E-Auto? In unserem großen Mobilitäts-Faktencheck haben wir uns dieser Thematik genauer angenommen.

#2 Wo schläfst du?

Nachwachsendes Hotelzimmer im Hotel Luise nach Cradle to Cradle
Schon vor 10 Jahren entstanden im Hotel Luise die „Nachwachsenden Hotelzimmer“ komplett nach Cradle-to-Cradle-Prinzipien. ©Hotel Luise

Du bist angekommen. Hier kommt der nächste große Baustein: deine Unterkunft.

Hinweis: Vielleicht fällt es dir schon auf: Mit nur zwei Bausteinen, zwei Fragen, kannst du deine Reise schon deutlich verantwortungsvoller gestalten. Natürlich hängen da jeweils ein paar andere Fragen mit zusammen, doch im Großen und Ganzen sind es diese beiden großen Teile einer Reise, die eine starke Auswirkung auf die Nachhaltigkeit deines gesamten Trips hast. Zwei Fragen. Das ist schon nicht mehr ganz so überwältigend, oder?

Unterkünfte sind (wie du vielleicht schon weißt) unser Spezialgebiet. Green Pearls® ist ein kuratiertes Netzwerk für Hotels und Ferienunterkünfte, die ihre individuellen Nachhaltigkeitsmaßnahmen transparent darstellen.

Dabei gibt es nicht die eine Lösung, die überall funktioniert. Jedes Haus setzt dort an, wo es aufgrund seiner Lage, Geschichte und Möglichkeiten etwas bewegen kann.

  • Im Hotel Luise in Erlangen kannst du zum Beispiel in sogenannten nachwachsenden Hotelzimmern übernachten. Bei ihrer Gestaltung spielen natürliche, nachwachsende und kreislauffähige Materialien eine zentrale Rolle.
  • Das OLM Nature Escape in Südtirol setzt einen anderen Schwerpunkt: Das energieautarke Aparthotel versorgt sich über Erdwärme und Photovoltaik selbst mit Energie und Wärme.
  • Und im The Pavilions Himalayas – The Farm in Nepal ist das Hotelkonzept eng mit der Region verbunden: Das Haus unterstützt ökologische Landwirtschaft und Projekte für die lokale Bevölkerung; 50 Prozent der Nettogewinne fließen nach Angaben des Hotels in soziale Projekte, wie z. B. Bildung für Kinder und Frauen.

Drei Green Pearls® Unterkünfte, drei völlig unterschiedliche Ansätze. Darum unser Tipp für deine Unterkunftswahl: Schau nicht nur danach, ob irgendwo „nachhaltig“ steht. Schau dir an, was die Unterkunft tatsächlich macht. Dafür kannst du die Website der jeweiligen unterkunft durchforsten, oder du schaust dir passende Hotels und Ferienwohnungen auf der Green PearlsⓇ Seite an. “Nachhaltige Maßnahmen” werden hier zu jedem Haus transparent und übersichtlich dargestellt.

Nachhaltigkeit im Urlaub erleben

Du hast bis hierhin gelesen und hoffentlich eine Vorstellung davon bekommen, was nachhaltigeres Reisen bedeutet und an welchen Stellen du ansetzen kannst. Aber vielleicht möchtest du das Ganze jetzt nicht mehr nur lesen, sondern erleben.

Dann könntest du zum Beispiel Johann Steinwender im Schloss Lerchenhof in Kärnten besuchen. Gemeinsam mit seiner Familie führt er das liebevoll restaurierte Schloss, das sich seit Generationen im Familienbesitz befindet, zusammen mit einer eigenen Landwirtschaft.

Johann ist gelernter Touristiker und Koch und lebt ziemlich kompromisslos vor, was verantwortungsvolles Wirtschaften für ihn bedeutet. Wenn man mit Johann darüber spricht, merkt man schnell: Das ist für ihn keine Marketingidee.

„Wir sprechen mit unseren Gästen über Ernährung, Herkunft, Landwirtschaft und Lebensmittelqualität. Wir erklären, woher unsere Produkte kommen. Wir zeigen, was wir selbst herstellen.“ – Johann Steinwender

Begeistern statt belehren

Johann Steinwender und seine Frau Karin an der Bar des nachhaltigen Boutique Hotels Schloss Lerchenhof
Die heutigen Gastgeber Johann und Karin Steinwender ©Schloss Lerchenhof

Dabei geht es ihm ausdrücklich nicht darum, Gäste zu belehren. Er möchte Menschen wie dich dafür begeistern, „wieder genauer hinzusehen, zu riechen, zu schmecken und sich zu fragen, welchen Weg ein Lebensmittel hinter sich hat.“

Und Johann kann dabei durchaus deutlich werden. Zum Beispiel wenn es darum geht, was uns Lebensmittel wert sind: Wir sprächen zwar viel über Tierwohl, Klimaschutz, Regionalität und faire Arbeitsbedingungen. Sobald Lebensmittel deshalb aber mehr kosten, höre die Bereitschaft häufig schnell auf, kritisiert er.

Sein Ansatz im Lerchenhof ist: Gemüse aus dem eigenen Garten, Getreide vom eigenen Acker und weitere Lebensmittel und Produkte aus der eigenen Landwirtschaft sowie von Erzeuger*innen aus der Umgebung.

Reise nicht nur an einen Ort. Lerne auch Menschen kennen, die dort leben.

Persönliche Begegnungen gehören auch für Lee Mylne zum Reisen dazu: „Ich war schon immer eine Reisende, die gern mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommt. Ich liebe zum Beispiel Homestays, also Übernachtungen bei Menschen vor Ort – und für mich ist das ein wichtiger Teil nachhaltigen Reisens.“


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